Downloads, E-Books        sofort verfügbar >>>

Der Samichlaus kommt

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, ob ich noch an den Samichlaus glaubte oder nicht. Aber das spielte auch nicht so eine große Rolle, da er ja tatsächlich erwartet wurde, damals im Kindergarten. Wir hatten alle unser Sprüchlein gelernt und die Kindergärtnerin, Tante Frieda, zeigte Bilder vom Samichlaus. Sie erzählte auch, dass der Samichlaus aus seinem großen Buch unsere Missetaten ablesen könne und einigen von uns die Fitze geben würde. Es sei auch schon vorgekommen, dass er einen ganz bösen Buben im Sack mitgenommen hätte.

Da ich ein gutes Gewissen hatte, machte ich mir nicht viel aus diesen Drohungen. Im Gegenteil – ich durfte im Krippenspiel sogar die begehrte Rolle des Josef spielen und zwar zusammen mit Brigittli als Maria. Brigittli hatte feuerrote, lockige Haare, aber für mich war sie einfach Brigittli mit den goldenen Haaren. Den Text hatte ich schnell auswendig gelernt:

„Wir sind auf dem Weg nach Bethlehem und suchen eine Herberge.“

Das musste ich dreimal sagen und jedes Mal wurden wir weggejagt, einmal vom Pfarrerssohn Christoph, einmal vom Theo und einmal von den Zwillingen Margrit und Susi.

Der große Tag nahte, der Christbaum war mit Äpfeln und Kerzen geschmückt. Unsere Mütter waren zur Feier eingeladen und saßen am Zimmerrand. Mein Vater hatte eine besonders schöne Tanne für den Kindergarten gefällt. Erwartungsvoll saßen wir im Kreis. Dann hörten wir Glocken klingeln. Zweimal, dreimal, Rosmarie durfte die Tür aufmachen. Das Christkind schwebte ins Zimmer, ganz in Weiß, mit weißen Flügeln und weißen Schuhen. Ich hatte noch nie einen Engel gesehen. Ich war begeistert. Das Christkind zündete die Kerzen an, derweil Tante Frieda auf dem Harmonium ,Ihr Kinderlein kommet‘ spielte und Walti den Blasbalg trat. Wir staunten und bald leuchtete der Widerschein der Kerzen in unseren Augen.

Das Krippenspiel begann. Immer drei zusammengeschobene Stühle bildeten eine Herberge, verteilt im Zimmer. Am Ende des Raumes war der Stall, bestehend aus dem umgedrehten Pult von Tante Frieda und einem Tuch darüber. Mit einem großen Stock klopfte ich bei jeder Herberge dreimal an. Dann sagte ich meinen Text auf und wurde unter massiven Beschimpfungen weggeschickt. Maria alias Brigittli durfte ich sogar um die Schultern fassen und tröstend zur nächsten Herberge führen. Am Schluss fanden wir den Stall. Ich schlug das Tuch zurück und man konnte die Krippe sehen. Praktischerweise lag das Jesuskind schon drin, denn wir hatten ja keine Ahnung, wie so eine Geburt wirklich abläuft. Aber das Singen aller Kinder „Vom Himmel hoch…“ überdeckte diese Schnellgeburt. Die Hirten kamen in Pelerinen, die Schafe krochen auch herbei und die beiden einzigen katholischen Kinder, Sepp und Peter spielten den Esel und den Ochsen. Tante Frieda klimperte selig auf dem Harmonium und die Kinder sangen aus voller Kehle. ,Oh, du Fröhliche…‘. Am Schluss kamen noch die drei Könige mit Kronen aus Goldkarton und brachten die Geschenke für das Jesuskind im Nähkästchen von Tante Frieda. Mit ,Stille Nacht…‘ ging der Vormittag zu Ende.

Das glaubten wir. Aber es sollte ganz anders kommen.

Ich strahlte meine Mutter an. Neben ihr stand die Mutter von Anneli. Beide hatten die Haare zu Zöpfen geflochten und um den Kopf gelegt. Sie sahen aus wie Zwillinge. Meine Mutter war stolz auf ihren Josef und Annelis Mutter stolz auf ihre Tochter, welche als einzige die Tante Frieda mit der Blockflöte begleiten durfte. Als ich im Stall neben Maria stand und die Wiege wippte hatte ich beide im Blick.

Ein grobes Poltern unterbrach die feierliche Stimmung. Draußen vor der Tür war ein Heidenlärm im Gange. Das passte gar nicht zur Aufführung. Die Tür schlug auf und ein schwarz gekleideter Samichlaus mit Riesenbart und ganz großen Schuhen trat ein. Er füllte beinahe die ganze Tür. Es war schrecklich. Der große Jutesack auf seinem Rücken schien prall gefüllt zu sein. Und eine große Fitze hing an seinem Gürtel, einem Kälberstrick.

Er setzte sich auf Tante Friedas Stuhl, breitbeinig und schwerfällig. Dann nahm er den Sack vom Rücken und stellte ihn vor sich hin.

„Da drin sind die Geschenke für alle lieben Kinder. Wenn ich die verteilt habe, dann ist Platz im Sack für die bösen Buben.“

Er hatte eine ganz tiefe Stimme. Nun rief er ein Kind nach dem andern zu sich und gab jedem ein Geschenk. Einige mussten ihr Sprüchlein aufsagen. Brigittli sah viel schöner aus als das Christkind. Sie erhielt eine schöne glänzende Tüte. Der Sack war schon fast leer und der Chlaus musste immer tiefer hineingreifen. Alle hatten ihr Geschenk bekommen, nur Walti und ich nicht. Nun öffnete er ein großes rotes Buch und begann darin zu lesen. Er hielt Walti vor, dass er unter anderem dem Meili seiner Katze eine Konservenbüchse an den Schwanz gebunden und dass er auch sonst so allerlei Lausbubereien gemacht hatte. Dafür sollte er die Fitze bekommen. Er nahm den Knirps übers Knie und verpasste ihm einige Schläge mit der Fitze. Walti nahm es gelassen, er hatte sein Schicksal erwartet und vorher schon immer gesagt, dass ihm das egal sei.

Ich bekam Angst, ganz große Angst. Ich war als einziger ohne Geschenk. Was sollte nun geschehen. Der Samichlaus öffnete wieder sein großes rotes Buch. Er las laut vor:

„Da haben wir noch den Miggeli. Er hat eine besondere Strafe verdient. Wer andern einen Stein ans Knie wirft, der darf nicht ungeschoren davonkommen.“

Wie ein Blitz durchzuckte es mich. Tatsächlich hatte ich mich im Sommer mit dem Ueli gezankt und wir hatten uns gegenseitig mit Steinen beworfen. Dabei ist ein Stein unglücklicherweise ans Knie vom Ueli geprallt und hat ihm einen Meniskusriss eingetragen. Mir tat das damals unheimlich leid und ich holte den Ueli wochenlang zu Hause mit dem Leiterwagen ab und brachte ihn in den Kindergarten. Ueli und ich waren längst wieder befreundet und auch unsere Eltern hatten sich freundschaftlich geeinigt. Ich hatte den Vorfall vergessen.

Doch jetzt lief alles wie im Film ab. Ganz benommen musste ich nach vorne zum Samichlaus, unter den Blicken von meiner Mutter und Annelis Mutter. Ich war vollständig durcheinander, ich konnte die Welt nicht mehr verstehen. Doch es sollte noch schlimmer kommen.

Der Samichlaus sagte noch etwas zu mir, aber ich hörte nicht mehr zu. Ich sah nur noch die schwarze Öffnung des leeren Jutesackes. Und tatsächlich, der Samichlaus erfasste mich am Hosenboden und stülpte den Sack über meinen Kopf.

Da drehte ich durch. Ich schrie und weinte und trat und biss. Ich war in einer Notlage. Ich musste aus diesem Sack heraus.

Ich tobte wie wild und war wahrscheinlich nahe daran, den Verstand zu verlieren und ohnmächtig zu werden. Ich weiß noch gut, dass mich nicht die Tatsache, dass ich bestraft wurde beschäftigte, sondern vielmehr schämte ich mich, schämte mich vor meiner Mutter, vor Annelis Mutter, vor Brigittli. Und ich fand das alles so ungerecht und miserabel.

Ich ließ mich nicht beruhigen. Der Sack war längst wieder von meinem Kopf verschwunden und man hatte mir rasch einen Lebkuchen als Geschenk in die Hände gedrückt und versucht mich zu trösten. Aber da gab es nichts zu trösten. Ich sah die Welt nur noch durch einen Schleier von Tränen.

Die wunderschönen Kerzen waren ausgeblasen, die Vorhänge zurückgezogen und da war nur dieses helle nüchterne Tageslicht, welches ich durch den Tränenschleier wahrnahm. Die Kinder waren weg, auch die Erwachsenen. Nur Tante Frieda und meine Mutter waren noch da. Meine Mutter weinte. Sie hatte meine Pelerine in der Hand und meine Holzschuhe. Sie zog mich warm an und nahm mich an der Hand:

„Komm Bub, wir müssen nach Hause, es hat schon elf Uhr geläutet.“

Wie konnte man mich den Josef spielen lassen, wenn ich doch ein so böser Bub sein sollte? Wie war es nur möglich, mich dermaßen in die Irre zu führen?

Dieses Schlüsselerlebnis von Gerechtigkeit prägte sich bei mir ein. Ich wollte nie mehr erwachsen werden. Das geht mir bis heute so.



Aus "Lasst doch den Emil einfach leben"

Copyright © 2021 K2-Verlag