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Was ist überhaupt ein Kind? - Remo H. Largo

11.01.2016 18:26

remo largo

Dr. Remo Largo
Kinderarzt und Entwicklungsspezialist

Interview-Auszug aus dem Buch „Wahrnehmung und Beobachtung“ (K2-Verlag 2016).

 

Wie wandeln sich die Grundbedürfnisse der Kinder von der frühen Kindheit bis zu den ersten Jahren der Schulzeit?

Ich gehe von drei Bereichen aus

Erster Bereich: Die Geborgenheit

Zum einen ist da die soziale Geborgenheit, die von Menschen vermittelt wird. Während der Entwicklung eines heranwachsenden Kindes vergrößert sich sein Kreis von ursprünglich wenigen Bezugspersonen auf immer mehr. Bei einem Schulkind ist die Situation insofern speziell, als dass eigentlich fremde Personen Geborgenheit vermitteln können, sofern sie gewisse Bedingungen erfüllen.

Die zweite Komponente der Geborgenheit ist ein nicht-soziales Element: Vertrautheit. Man spricht ihr oft eine positive Qualität zu, aber Vertrautheit ist im Grunde genommen qualitätslos. Vertrautheit hat auch in Bezug auf Menschen nichts mit Qualität zu tun, denn sie entwickelt sich durch das, was man am meisten erlebt.

Zum Beispiel binden sich Kinder an Eltern, die sie misshandeln, genauso, wenn nicht sogar noch stärker. Es geht ihnen natürlich nicht gut dabei.

In der Schule ist das ebenfalls ein Problem: Die Kinder werden auch hier gebunden – nicht durch die Qualität, sondern durch die Vertrautheit. Eben deshalb muss man zwei Dinge voneinander unterscheiden: Bindung ist nicht gleich Qualität. Die Qualität definiert das Maß des Wohlbefindens, aber nicht das Maß der Bindung. Wohlbefinden wird geschaffen, wenn die Bedürfnisse des Kindes zuverlässig befriedigt werden.

Der zweite Bereich ist die soziale Akzeptanz. Bei Kindern geht es vor allem um die Frage: Wie sehr werden sie von den anderen angenommen? Und das bezieht sich nicht nur auf Erwachsene. Es gibt Kinder, die brauchen Erwachsene sehr viel stärker als andere. Dann wiederum gibt es Kindergartenkinder, die sich sehr gut integrieren, denen die anderen Kinder sehr wichtig sind und die weniger abhängig sind von erwachsenen Bezugspersonen. Geborgenheit und soziale Akzeptanz sind bei den Kindern extrem variabel.

Die dritte Komponente ist die Entwicklung an sich bzw. das Bedürfnis zu lernen, und der Verlauf dieses Prozesses. Unabhängig vom Alter kann man sagen, dass sie selbstbestimmt geschehen sollte. Dazu braucht das Kind eine entsprechende Umgebung, die es noch nicht selbst herstellen kann. Das Kind verhält sich dabei immer entsprechend seinem Entwicklungsstand. Wenn man darauf eingeht, erzeugt man die Grundlagen für ein „kindgemäßes“ Lernen. Der Alltag von Kindern ist ständiges Lernen, und sie haben häufig große Lust, zu lernen. Mit dem Eintritt in die Schule bricht das oft ein.

Woher kommt dieser Schulfrust, diese Schulunlust?

Eine der Hauptursachen liegt darin, dass die Kinder immer wieder mit Inhalten konfrontiert werden, die sie entweder langweilen oder überfordern. Und mit der Zeit entwickelt sich daraus eine Grunderfahrung Ich verstehe sowieso nie, was in der Schule passiert“ und die Kinder verabschieden sich innerlich. Hinzu kommt, dass die Kinder häufig auf dem falschen Niveau lernen. Denn der Entwicklungsstand des Lernens ist nicht bei allen Kindern gleich. Je höher die Übereinstimmung zwischen der Anforderung und dem Niveau des Kindes, desto länger bleibt die Lust am Lernen erhalten. Dabei muss man darauf achten, dass die Übereinstimmung in beide Richtungen stimmt: sowohl in Hinsicht auf Überforderung als auch auf Unterforderung. Und diese Anforderungen können nicht standardisiert formuliert werden. Sie sind individuell anzupassen.

Wie kann diese Umgebung aussehen, die förderlich ist für die positive Entwicklungder Kinder?

Wenn man die Gestaltung der Umgebung als Aufgabe begreift, setzt dies an erster Stelle das Grundvertrauen voraus, dass das Kind sich aus sich selbst heraus positiv entwickelt. Diese Haltung ist häufig nicht vorhanden; viele Pädagogen und auch Eltern sind diesbezüglich sehr misstrauisch. Sie haben Angst, dass nichts aus ihren Kindern wird, wenn sie selbst nichts unternehmen. Darüber hinaus brauchen sie ein Konzept, also eine Vorstellung, was z. B. ein 8-jähriges Kind interessieren könnte. Das betrifft nicht nur den Lehrplan, sondern auch die Gefühlswelt eines 8jährigen:

Wie fühlen 8-Jährige, was denken sie?

Das Problem ist, dass dies von Kind zu Kind unterchiedlich ist. Es gibt 8-Jährige, die denken wie 9-Jährige oder wie 7-Jährige. Nicht am Alter, sondern am Entwicklungsstand müssen wir uns orientieren.

Was muss ein Pädagoge mitbringen, um die Entwicklungsstufen genau zu kennen und auch zu erkennen?

Das Problem ist, dass wir nicht sehen, wovon wir nicht wissen, dass es existiert. Nehmen wir ein Beispiel aus der Medizin: Ein Medizinstudent sieht den auffälligsten Befund nicht, weil er ihn nicht kennt. Das lässt sich auch auf die Pädagogik übertragen. Wenn Sie wissen, wie sich die Kompetenzen bei Kindern im Verlaufe der Jahre entwickeln, dann können Sie in wenigen Minuten herausfinden, wo das Kind gerade steht. Wenn Sie es nicht wissen, gehen Sie von einer beliebigen Annahme aus und überfordern das Kind zwangsläufig. Jeder Lehrer aber, der Erfahrung mitbringt, verfügt über eben dieses Wissen. Der erste Schritt ist immer, das Kind richtig wahrzunehmen. Denn Kinder unterscheiden sich nicht nur untereinander, auch ihre Entwicklungsbereiche sind individuell weit fortgeschritten. Ich habe 8-jährige Kinder gesehen, die in manchen Bereichen wie 12- bis 14-Jährige handeln, in anderen Bereichen erst wie 6-Jährige. Solche Extreme gibt es. In der Schule mit größeren Klassen können diese Unterschiede problematisch werden. Entweder sucht man nach Mitteln und Wegen, um den Kindern in ihrer Idividualität gerecht zu werden, oder man verdrängt, dass sie verschieden sind, und dann fängt die Vergewaltigung an – und zwar nicht nur der Kinder, sondern auch der Lehrkraft selbst.

Zum Buch "Wahrnehmung und Beobachtung" von Sigrid Prommer mit Interview von Dr. Remo Largo

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